Jobkiller KI

Corina Lingscheidt erklärt, warum Medien nun doch massenhaft entlassen

Die Medienbranche steckt in einer existenziellen Krise, die weit über punktuelle Sparmaßnahmen hinausgeht. Während Kündigungswellen bei Schwergewichten wie RTL, Bauer oder der Washington Post die Schlagzeilen bestimmen, wird deutlich: Die alte Beruhigungsformel, wonach KI lediglich ein hilfreiches Werkzeug für Redaktionen sei, greift zu kurz, wie unsere Kolumnistin Corina Lingscheidt weiß.

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Published: 15.5.2026 | Video KI-generiert, Magnific

Die Bauer Media Group schließt ihre Digitaltochter Bauer Xcel Media mit ihren 160 Mitarbeitenden; im Zuge der Übernahme von Sky Deutschland durch RTL soll es zu einer „Zusammenführung der Organisationen“ und einer „Verschlankung“ kommen, und beim Münchener Privatradio Charivari soll aktuell eine Kündigungswelle rollen. Und das sind nur die Nachrichten aus dem deutschen Raum und der letzten Wochen. Wer in der Medienbranche arbeitet, hat aktuell vielerorts berechtigt Sorgen um die Zukunft der eigenen Anstellung.

Das konnte vor ein paar Jahren noch keiner ahnen, oder? Wir erinnern uns nostalgisch an die hoffnungsvollen Worte vieler Medienmanager nach dem Launch von ChatGPT: Künstliche Intelligenz wird Redaktionen entlasten und auf das Wesentliche konzentrieren lassen, aber sie ersetzt sie nicht. Mithilfe von KI werden Redakteure Daten effizienter analysieren können, sich hübsche Grafiken erstellen lassen und zeitsparend Interviews transkribieren – doch das Urteil bleibt menschlich, die Edelfeder bleibt gefragt. Eine beruhigende These. Und eine, die sich zunehmend als unvollständig erweist.

Denn die aktuelle Entlassungswelle in Medienhäusern lässt sich nicht mehr mit Effizienzgewinnen erklären. Wenn Unternehmen wie RTL Group, Axel Springer oder The Washington Post Hunderte Stellen abbauen, dann geht es nicht um punktuelle Automatisierung. Es geht um ein strukturelles Problem.

Der Kern liegt nicht mal nur in der Produktion von Inhalten – sondern vor allem auch in ihrer Distribution.

KI ersetzt nicht primär JournalistInnen. Sie ersetzt den Bedarf, ihre Inhalte zu besuchen

Bislang war das Geschäftsmodell relativ klar: Medien produzieren Inhalte, Plattformen liefern Reichweite. Diese Symbiose war nie fair, aber sie funktionierte. Jetzt kippt sie. KI-basierte Suchsysteme und Agenten beantworten Fragen direkt, ohne den Umweg über die Ursprungsquelle. Der Nutzer bekommt die Information – aber der Publisher verliert den Traffic.

Was abstrakt klingt, hat konkrete Folgen. Weniger Traffic bedeutet weniger Werbeerlöse, schwächere Abo-Konversionen und letztlich sinkende Zahlungsbereitschaft. Gleichzeitig bleiben die Kosten für Qualitätsjournalismus hoch. Die betriebswirtschaftliche Gleichung geht nicht mehr auf.

Hier setzt die eigentliche Disruption an: KI ersetzt nicht primär JournalistInnen. Sie ersetzt den Bedarf, ihre Inhalte zu besuchen.

Damit verschiebt sich der Druck innerhalb der Organisationen. Redaktionen werden nicht mehr nur an Qualität gemessen, sondern an ihrer Fähigkeit, überhaupt noch Reichweite zu generieren. Inhalte, die austauschbar sind, verlieren zuerst. Und genau das betrifft einen großen Teil des heutigen Journalismus: standardisierte Nachrichten, SEO-getriebene Artikel, schnell produzierte Einordnungen.

Diese Formate sind doppelt gefährdet. Sie lassen sich nicht nur leicht durch KI erzeugen – sie werden auch durch KI in der Distribution verdrängt. Ein klassischer Double Hit.

Die Folge ist eine schmerzhafte Marktbereinigung. Der Mittelbau in Redaktionen schrumpft, während sich die Pole verstärken: auf der einen Seite hoch spezialisierte Inhalte mit klarer Differenzierung, auf der anderen Seite automatisierte Massenproduktion.

Hinzu kommt ein regulatorisches Vakuum. Medienhäuser versuchen, sich juristisch zu wehren – etwa durch Klagen wie die der New York Times gegen KI-Unternehmen. Doch solche Verfahren dauern Jahre. Zeit, die viele Verlage nicht haben.

Gleichzeitig zeigt sich ein strategisches Versagen der Branche. Kooperationen, Allianzen, gemeinsame Plattforminitiativen – vieles wurde angekündigt, wenig umgesetzt. Währenddessen haben Tech-Unternehmen Fakten geschaffen.

Die Entlassungswelle in Medienhäusern ist Ausdruck eines neuen Machtgefüges. KI ist ein Werkzeug und zugleich ein Gatekeeper.

Und genau darin liegt die unbequeme Wahrheit: Der Journalismus verliert nicht nur Effizienzvorteile. Er verliert seinen direkten Zugang zum Publikum.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, wie Redaktionen KI einsetzen, sondern wie sie in einer Welt bestehen, in der sie nicht mehr der primäre Zugangspunkt zu Information sind.

Wer darauf keine Antwort hat, wird weiter Personal abbauen müssen. Nicht, weil KI „besser schreibt“. Sondern weil sie den Markt neu verteilt.

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Corina Lingscheidt ist seit über 10 Jahren als Geschäftsführerin in der Medienbranche aktiv. Unter der Dachmarke der MM New Media GmbH betreibt die studierte Journalistin und Psychologin mit ihrem Team u. a. die reichweitenstarken Websites news.deunternehmer.de und qiez.de. Dabei setzt sie auf eine hybride Redaktion und ergänzende automatisierte Nachrichtenerstellung. Ihre Themen sind: Online-Medien, KI und New Work.